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#004 Experimentieren statt Abwarten: Constantin May über den Turbo-Effekt von KI im Lean Management

Episode erschienen am15. März 2026

Darum geht es

Bei neuen Technologien habe ich in meiner früheren Verantwortung meist gewartet, bis sie einen belastbaren Reifegrad erreicht hatten. Bei künstlicher Intelligenz halte ich dieses Vorgehen für gefährlich. Die Entwicklung ist noch immer von überzogenen Erwartungen, Enttäuschungen und sehr kurzen Innovationszyklen geprägt. Gleichzeitig ist das Potenzial zu groß, um erst dann einzusteigen, wenn alle Fragen beantwortet sind.

Mit Professor Constantin May spreche ich darüber, wie Unternehmen heute sinnvoll mit KI umgehen können. Dabei geht es nicht nur um Chatbots, Texte oder automatisierte Besprechungsprotokolle. KI kann Qualitätsprobleme erkennen, Wartungsbedarfe vorhersagen, Rüstvorgänge analysieren, Wissen erschließen und Verbesserungsteams bei der Problemlösung unterstützen.

Für Constantin ist Lean dabei weiterhin das Fundament. KI ersetzt weder die Auseinandersetzung mit dem Prozess noch die Erfahrung der Menschen. Richtig eingesetzt kann sie jedoch zum Verstärker werden. Sie macht bisher unsichtbare Verschwendung erkennbar, unterstützt Lean-Werkzeuge und hilft dabei, Prinzipien entlang des gesamten Wertstroms wirksamer umzusetzen.

Darauf kommt es an

01

Diskriminative und generative KI erfüllen unterschiedliche Aufgaben

Diskriminative KI erkennt Muster, klassifiziert Daten und unterstützt beispielsweise die Qualitätsprüfung oder die vorausschauende Instandhaltung. Generative KI erstellt und verändert Inhalte, verarbeitet unstrukturierte Informationen und kann zunehmend auch Aufgaben selbstständig ausführen.

02

Abwarten ist bei KI keine tragfähige Strategie

Die schnelle Entwicklung generativer KI schafft Unsicherheit. Modelle verändern sich, Anwendungen verschwinden und heutige Lösungen können morgen bereits überholt sein. Trotzdem wäre es falsch, auf vollständige Investitionssicherheit zu warten. Unternehmen müssen jetzt Erfahrungen sammeln, Anwendungsfälle erproben und ihre Mitarbeiter befähigen, mit der Technologie umzugehen.

03

Eigene Infrastruktur kann Datensicherheit und Unabhängigkeit erhöhen

Wer ausschließlich auf cloudbasierte Angebote großer Technologieanbieter setzt, bleibt von deren Modellen, Preisen und Entscheidungen abhängig. Open-Weight-Modelle können auf eigener oder gemieteter Infrastruktur betrieben werden. Das schafft mehr Kontrolle über sensible Unternehmensdaten und verringert das Risiko, dass eine wichtige Anwendung durch den Wechsel oder die Abschaltung eines Modells plötzlich nicht mehr funktioniert.

04

Digitalisierung erzeugt neue, unsichtbare Formen der Verschwendung

Die klassischen Verschwendungsarten lassen sich häufig direkt im Prozess beobachten. Digitale Verschwendung bleibt dagegen hinter Bildschirmen, Schnittstellen und Datenbeständen verborgen. Mitarbeiter suchen Informationen, bereiten Daten mehrfach auf oder pflegen Dokumentationen ohne erkennbaren Kundennutzen. KI kann helfen, diese Verluste sichtbar zu machen.

05

KI verstärkt konkrete Lean-Werkzeuge wie 5S, SMED und A3

KI kann Arbeitsplatzbilder für 5S-Audits auswerten, Videoaufnahmen von Rüstvorgängen analysieren oder aus einer Besprechung einen strukturierten A3-Report vorbereiten. Der Nutzen entsteht dort, wo KI Beobachtungen erweitert, Muster schneller erkennt und den Menschen bei einer besseren Analyse unterstützt.

06

KI kann Lean-Prinzipien entlang des gesamten Wertstroms unterstützen

Der Einsatz endet nicht bei einzelnen Werkzeugen. KI kann Kundenfeedback auswerten, Veränderungen im Wertstrom erkennen, die Produktionsglättung unterstützen oder Auswirkungen veränderter Kanban-Parameter simulieren. Damit wird sie zu einem möglichen Verstärker der Lean-Prinzipien.

Mein Gesprächspartner

Professor Constantin May

Constantin May ist Professor für Produktionsmanagement und Logistik an der Hochschule Ansbach und Gründer des CETPM-Instituts. Bereits seine vor rund 30 Jahren eingereichte Doktorarbeit beschäftigte sich mit Produktionsplanung und -steuerung durch künstliche neuronale Netze. Vor seiner Hochschultätigkeit arbeitete er unter anderem in der Beratung und für die Schaeffler-Gruppe, wo er internationale Industrieerfahrung sammelte. Mit dem CETPM qualifiziert er jährlich rund 2.500 Menschen in Lean Management, TPM, Six Sigma, Führung und künstlicher Intelligenz.

Die Episode ist am 15. März 2026 erschienen.

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